Letzte Woche hatten wir eine Frau für zwei Nächte bei uns im Airbnb-Zimmer zu Gast. Sie war mittleren Alters und besuchte wohl Verwandte hier im Ort. Ich bekam sie in der ganzen Zeit nur einmal zu Gesicht. Wenn sie kam, dann so leise, dass wir es nicht bemerkten – nur ihre Schuhe unten verrieten mir, dass sie im Haus war. Wenn sie ging, schlich sie sich so unbemerkt hinaus, dass wir es gar nicht mitbekamen. Als sie am Abreisemorgen recht früh nach unten kam, war ich noch in meinem Zimmer und hörte nur leise die Tür ins Schloss fallen – und weg war sie. Ohne ein Wort des Abschieds. Nichts.
Das hatten wir noch nie erlebt. Normalerweise sagen die Gäste „Auf Wiedersehen“ oder „Der Schlüssel liegt oben“ oder etwas Ähnliches. Diese Frau war einfach verschwunden.
Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Diese Frau hatte vermutlich einiges mitbekommen. Ich hatte an einem Tag einen Konflikt mit meiner Teenagertochter, für den ich mich hinterher schämte, und als ich ihr in den Flur hinterherlief, sah ich plötzlich ihre Schuhe. Oh nein – vielleicht ist sie mitten in der Auseinandersetzung gekommen, während ich mit meiner Tochter zwischen Flur und Küche Argumente hin und her warf? Die Kinder schienen mir in dieser Woche sowieso sehr anstrengend, und obendrein wurde ich krank und musste noch eine Frauenfreizeit vorbereiten. Ich sagte zu Gott:
Ich könnte gerade wirklich sehr gut eine Ermutigung gebrauchen. Bitte!
Unterbewusst lebte ich in einer inneren Spannung, und mir kamen Gedanken wie: Was bekommt diese Frau nicht alles mit in unserem Haus? Dabei hängen doch überall schöne Bibelverse, und man kann es nur mit einer ordentlichen Portion Ignoranz übersehen, dass dieses Haus ein christliches Haus ist. Was denkt sie jetzt wohl? Was sind wir nur für ein schlechtes Beispiel für eine christliche Familie? Hoffentlich bringt sie das nicht vom Glauben ab. Sicher wird sie eine schlechte Bewertung schreiben.
Ehrlich, solche Gedanken hatte ich. Kopfkino halt. Wer kennt das nicht? Ich meinte genau zu wissen, wie sich diese Frau hier gefühlt hatte, was sie alles mitbekommen hatte und warum sie ohne ein Wort aus der Tür gegangen war. Und dabei brauchte ich doch einfach nur Ermutigung von Gott...
Doch dann kam die völlig unerwartete Überraschung. Ich ging hoch in das Gästezimmer, das sich bei uns ganz oben unter dem Dach befindet, um es zu putzen. Alles war sehr ordentlich hinterlassen (wie meistens bei Frauen 😉). Doch neben der Kaffeemaschine lag ein kleiner Zettel. Das passiert nicht so oft. Ich nahm ihn in die Hand und las:
„Liebe Gastgeber, vielen lieben Dank für die tolle Unterbringung. Es hat mich sehr gefreut, hier Gottes Worte und seine Fürsorge in diesem Haus zu fühlen. Ihr Haus ist ein gesegnetes Haus, das spürt man in jedem Detail. Vielen Dank.
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. (Psalm 23)
Das Haus des Herrn ist groß und hat viele Zimmer.“
Ich war ziemlich baff. Damit hätte ich nun so gar nicht gerechnet. Diese Frau war tatsächlich eine Schwester im Glauben gewesen. Warum nur hatte sie nichts gesagt? Und was hatte sie da geschrieben? Sie hatte alles so anders wahrgenommen, als ich es gedacht hatte. Sie hatte Gottes Fürsorge hier erlebt? Sie spürte den Segen überall – auch dort, wo ich dachte: Wie kann nur so viel Unfriede in einem Haus sein?
Als ich darüber nachdachte und Gott von Herzen für diese ganz besondere und überraschende Nachricht dankte, kam mir kurz der Gedanke, ob er nicht vielleicht einen Engel geschickt hatte. 😊
Wer auch immer diese Frau war, die so unscheinbar bei uns lebte und doch ein wunderschönes Zeugnis hinterließ – sie war ein Besuch, der mich so einiges gelehrt hat. Nicht über mich, sondern über Gott.
Ich hatte es schon vorher auf dem Herzen gehabt, hier über Gastfreundschaft zu schreiben. Und nun hat Gott mir noch einmal ganz neu die Augen geöffnet, was es heißt, Menschen in unserem Haus zu haben.
Wir denken, alles müsse perfekt sein: sauber und aufgeräumt. Doch das ist nicht das Leben. Diese Frau kam zu ganz unterschiedlichen Zeiten in unser Haus. Ich wusste nie, wann sie kommt oder geht. Sicher sah unser Eingang manchmal aus wie – nun ja – wenn eine Herde Kinder ihre Schuhe auszieht und nicht weiß, wohin damit. Sie bekam das normale Leben mit: Streit, Konflikte, Trotz, Schimpfen. Aber vielleicht auch all das Schöne zwischendrin, für das wir manchmal blind zu sein scheinen, wenn wir uns nur auf das fokussieren, was gerade nicht gut läuft.
Am Ende hat diese Frau einfach Gott gespürt. Und wisst ihr was? Das Schöne ist: Es ist nicht mein Verdienst. Es ist Gottes Wirken. Durch alle Schwachheit und Fehlerhaftigkeit hindurch hat er das Herz dieser Frau berührt. Und wie sie in der Bewertung tatsächlich schrieb:
„Ich habe noch nie so gut geschlafen wie in diesem Zimmer. Ich bin schon seit Jahren viel unterwegs und habe mich noch nie so wohlgefühlt.“
Es demütigt mich – und das ist etwas sehr Gutes.
Und es ermutigt mich. Es ermutigt mich, mein Haus zu öffnen. Für Booking-Gäste und für alle anderen auch.
Ist es nicht wunderschön, dass wir mit unserem Zuhause andere einladen dürfen, Gottes Gegenwart, seine Fürsorge und seine Liebe zu erfahren – mitten im ganz normalen Leben?
Gott sagt in seinem kostbaren Wort, dass wir gastfrei sein sollen ohne Murren (1. Petrus 4,9) und dass wir die Gastfreundschaft nicht vergessen sollen – interessant, dass genau das schon damals ein Problem war... Denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt (Hebräer 13,2).
💡 Wen kannst du in dein Leben schauen lassen - für kurz oder lang? Wen möchte Gott segnen dadurch, dass er unter dein Dach kommt und seine Gegenwart, seine Liebe und Fürsorge spüren darf?
Ich möchte dir mit dieser Geschichte Mut machen, dein unperfektes Zuhause zu öffnen. Gibt es etwas Schöneres?
Und vielleicht stehen wir manchmal etwas unsicher daneben und denken:
Gott, du machst das Allerwichtigste. Mache mich bereit, dir mit meinem Zuhause zu dienen. 💛
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