Zur Zeit fühle ich mich ein ganz klein bisschen wie Hiob.
Hiob erhielt innerhalb kürzester Zeit die schlimmsten Nachrichten, die ein Mensch nur bekommen kann: Verlust von allem Hab und Gut, Verlust von Familie und Verlust von eigener Gesundheit. „Noch redete der, da kam ein anderer..." – so heißt es dreimal im ersten Kapitel.
Kennst du das auch? Kaum ist das eine passiert, geschieht schon das nächste. Kaum ist das eine geschluckt, kommt das nächste, das schwer zu verdauen ist. Kaum hat man seine Linse wieder geschärft und Jesus in den Blick genommen, kommt schon wieder etwas, das alles unscharf macht – vielleicht auch vor Tränen – und das Herz ist herausgefordert, wieder voll und ganz auf Jesus zu schauen.
Die letzte Woche fühlte sich so an. Es kam eins aufs andere. Ich sitze noch da und überlege und bete, wie dieses Problem zu lösen ist, da kommt das nächste und zwingt mich auf die Knie. Da ist Not, da ist Sorge, da ist Zerbruch. Das Konto wird angegriffen, Freundschaften werden angegriffen, die Kinder werden angegriffen, mein Glaube wird angegriffen, mein Vertrauen in Gottes gute Wege, mein eigenes Selbst wird angegriffen.
Doch die Frage ist: Was tue ich mit all diesen Angriffen? Wie sehr lasse ich es zu, dass sie auf mein Gemüt schlagen? Wie sehr lasse ich mir meinen inneren Frieden rauben? Wie sehr gelingt es der Last des Lebens, mich runterzuziehen und unten zu lassen?
Wenn das Herz zerschmilzt
Vor kurzem las ich die Geschichte von Josua. Er und das Volk hatten einen großen Erfolg zu verzeichnen, als sie die starke Stadt Jericho einnahmen. Dieser Sieg machte sie mutig und stark. Sie waren wie in einem Freudentaumel und bemerkten dabei gar nicht, dass Sand in das Getriebe gekommen war: Ein Mann hatte etwas getan, was verboten war. Er nahm etwas mit aus Jericho und versteckte es in seinem Zelt. Diese Schuld fiel auf das ganze Volk.
Keiner hatte es bemerkt. Josua und seine Männer waren voll im Tun und ersahen schon die nächste Stadt, die es einzunehmen galt – eine kleine und schwächere Stadt als Jericho. Siegessicher machten sie sich mit einer kleinen Abordnung auf – und wurden dann zum Entsetzen aller mit hohen Verlusten geschlagen.
Da zerschmolz das Herz des Volkes und wurde zu Wasser. (Josua 7,5)
Was für eine Ausdrucksweise. Das Herz zerschmolz wie Wasser. Aller Mut und alle Standhaftigkeit war mit einem Mal dahin.
Kennst du solche Momente? Hast du schon Nachrichten bekommen, wo dir dein Herz zerschmolzen ist wie Wasser und dich aufgewühlt und ohne Halt zurückgelassen hat? Kennst du dieses plötzliche Kippen von Freude und Zuversicht in bodenlose Verzweiflung, Angst und Sorge?
Am Boden aber doch in Gottes Gegenwart
Josua ist jedenfalls am Boden zerstört. Er zerreißt seine Kleider und läuft in die Gegenwart Gottes, wo er auf sein Angesicht fällt. Sie bleiben dort eine lange Zeit und trauern. Sie sind verzweifelt und wissen nicht, was los ist.
In dem Gebet, das Josua betet und uns aufgeschrieben ist, hören wir Anklage Gott gegenüber. Gott ist der eigentlich Schuldige. Warum nur hat er sie über den Jordan geführt? Was wird diese Niederlage nun für fatale Folgen haben für das Volk? Josua sieht sich und das Volk schon umzingelt von ihren Feinden, und sein inneres Auge malt sich das Blutbad aus, in dem alles enden wird.
Sind wir nicht auch oft so? Es treffen uns Nachrichten, die uns erschüttern. Wir verstehen die Welt nicht mehr – und vor allem verstehen wir Gott nicht mehr. Wie kann auf einen grandiosen Sieg so eine demütigende Niederlage folgen?
Gott, wo bist du in dem ganzen? Warum hast du das nicht verhindert? Jetzt wird alles noch schlimmer.
Ich erkenne mich selbst in diesem Gebet nur zu gut wieder. Vor allem in dem Sich-Ausmalen, was alles kommen wird. Wenn uns auch in anderen Bereichen die Fantasie fehlt: Im Malen der Zukunft mit den dunkelsten Farben sind wir alle sehr kreativ. Josua fragt Gott nicht einmal „Warum" – er denkt nur an die Folgen.
Und das muss man Josua zugute halten: Er lief an seinem Tiefpunkt in die Gegenwart Gottes. Nicht, als er siegreich von Jericho zurückkehrt, sondern jetzt, als es ihm so richtig dreckig ging – im wahrsten Sinne des Wortes, denn er badete förmlich im Staub.
Gottes Antwort: Steh auf
Was tut Gott? Wie reagiert er?
Steh auf! Was liegst du denn auf deinem Angesicht? Israel hat sich versündigt, sie haben meinen Bund übertreten. (Josua 7,10–11)
Ich liebe diese Antwort.
Gott geht gar nicht auf Josuas Argumentation ein. Er fordert ihn auf, aufzuhören, nach dem Warum zu fragen. Er kommt nicht mit einer Tröstung, sondern mit einem Aufruf: Wiege dich nicht in deinem selbstgedeuteten Trauerlied, sondern steh auf. Es gibt Grund zu handeln.
Gott ist direkt und doch liebevoll. Er hält Josua nichts vor, aber er sagt ihm, was Sache ist. Er reißt ihn aus seiner Hilflosigkeit und Schockstarre heraus.
In unserem Leben mag es nicht Sünde sein, die uns in schwierige Situationen bringt. Aber ich glaube, Gott sagt Ähnliches zu uns, wenn wir daniederliegen, verzweifelt sind, uns selbst bemitleiden und nicht weiterwissen.
Ich denke an die Jünger im Boot, als der Sturm über sie hereinbricht – wie der Sturm der Hiobsbotschaften – und sie an ihrem Leben verzweifeln. Auch sie glauben: „Wir kommen um." Doch was sagt Jesus? „Sei still!" – und: „Wo ist euer Glaube?"
Wo ist dein Glaube? Wo ist dein Vertrauen in den Allmächtigen? Wo ist dein Glaube, Rahel?
Was Gott zu mir sagt
Wir sind im Moment damit konfrontiert, dass zwei Drittel unseres Gartens, der der Stadt gehört, bald zu einem Fußweg umgebaut werden soll. Damit würde sich unser Garten extrem verkleinern, und wir hätten auf der ganzen Längsseite einen öffentlichen Fußweg. Ich sehe die Pläne – und mein Herz schmilzt in mir zu Wasser. Es ist ein schreckliches Szenario für mich.
In mir spielen sich die Bilder ab: wie Bagger meinen schönen Garten umgraben und meine Blumenbeete zerstören, wie wir keinen Platz mehr für das gerade angeschaffte Trampolin und unsere Hasen haben, wie wir keine Privatsphäre mehr in unserem eigenen Garten haben und keine großen Feiern mehr machen können.
Doch was sagt Gott?
Er sagt: „Rahel, steh auf und vertraue mir! Glaube mir! Mach dich frei von allen Bedenken und schau auf mich und meine Möglichkeiten!"
Ich denke an diesen Satz, den Jesus zu einem Vater spricht, der gerade die Nachricht vom Tod seiner Tochter bekommen hat:
„Fürchte dich nicht, glaube nur!" (Markus 5,36)
Fürchte dich nicht, glaube nur. Das sagt er auch zu dir und mir - heute!
Glaube
Nur.
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