Es ist Montag. Schon seit einiger Zeit bekomme ich an diesem Tag besonderen Besuch am Nachmittag. Meistens angekündigt und rückversichert – mehrere Male in der Woche per Telefon.
„Und machst du wieder das leckere Getränk? Und diese leckere Wassermelone … Mhmm.“
Montagnachmittag bekomme ich besonderen Besuch.

Eine Frau, die kaum jemand einlädt
Sie ist eine Frau, die jeder in unserem Ort kennt. Eine Frau, die außer mir jedoch kaum Freunde hat. Eine Frau, die viele belächeln, mit der manche schlecht umgehen können und die in unserer Stadt keine offene Tür findet – außer bei uns.
Schon relativ am Anfang, seit unsere Holzbank vor dem Haus stand, lernte ich sie kennen. Kurze rosa Haare, ein breiter Busen, schlanke Beine. Einen kleinen Kuscheltier-Pudel in Rosa unter dem Arm (ihre Handtasche) und einen Gehwagen neben sich, saß sie eines Tages einfach da.
Ihre laute Stimme ist nicht zu verwechseln, und ich musste mich schnell daran gewöhnen, dass unsere Gespräche auf jeden Fall von der neugierigen Nachbarschaft mitgehört werden.
Wolken sehen
Wir saßen da und lernten uns kennen. Und dann – dann sah sie die Wolken und darin alle möglichen Figuren.
„Was siehst du?“
Mein kindliches Herz wurde wach in mir, und ich sah plötzlich auch ein rennendes Pferd, einen Drachen, eine Blume und ein Feuerwerk.
Gemeinsame Jahre
Über all die Jahre haben wir Höhen und Tiefen zusammen erlebt.
Sie hatte einen Herzinfarkt, den sie nur gerade so überlebte.
Ich habe sie einmal blockiert, weil sie keine Grenzen einhalten konnte.
Wir haben herzlich gelacht und gesungen, den ersten Erdbeerkuchen gegessen.
Sie hat den Kindern lustige Geschenke gebracht (zum Leidwesen der Mutter und zur Freude der Kinder natürlich).
Wir haben zusammen gebastelt – und vieles mehr.
Jean (Name etwas abgeändert) ist eine besondere Frau. Eine Frau mit einer traurigen Geschichte, die sich nur Stück für Stück offenbarte – wie ein Puzzle, das sich nach und nach zusammenfügt und immer mehr Sinn ergibt. Wie ein scheues Reh, das langsam Vertrauen fasst und sich Schritt für Schritt der hingehaltenen Hand nähert.

Was hat das mit Jesus zu tun?
Doch was hat Jean damit zu tun, Jesus ähnlicher zu werden? Wie hilft sie mir in ihrer besonderen und manchmal herausfordernden Art dabei?
Ich sage es euch:
Gestern hatte ich sehr viel zu tun. Ein volles Familienwochenende lag hinter mir. Ich war noch eingeschränkt durch einen wahnsinnig angeschwollenen Bienenstich am linken Fuß. Die Wäsche stapelte sich im Keller. Das Haus musste geputzt und aufgeräumt werden.
Ich wusste aber sicher: Jean kommt. Sie freut sich schon so sehr darauf.
Plötzlich kam dieser Gedanke:
Rahel, warum machst du das eigentlich? Warum verbringst du deine kostbare Zeit damit, einer Frau zuzuhören, die oft das Gleiche erzählt, die zuweilen anstrengend ist, mit der keiner wirklich etwas zu tun haben will? Was denken die Nachbarn, wenn sie dich immer mit ihr sehen? Habe ich nichts Besseres zu tun?
Jesu Antwort
Doch dann war es, als würde sich der Himmel öffnen und Jesus zu mir sagen:
Rahel, weil ich genau das Gleiche getan habe.
Da erinnerte ich mich an die Kapitel aus dem Lukasevangelium, die ich am Morgen gelesen hatte.
Da ist mir ein Jesus begegnet, der sich Zeit für kleine Kinder genommen hat, obwohl andere es als Zeitverschwendung sahen.
Da ist mir ein Jesus begegnet, der sich Zeit für einen blinden Bettler genommen hat, den alle zur Seite schieben wollten.
Da ist mir ein Jesus begegnet, der einen Zöllner zu Hause besucht hat – einen Mann, den alle verachteten.
Jesus selbst hätte gerade Menschen wie Jean zu sich gerufen. Er wäre in ihr kleines, vielleicht unsauberes Zuhause gekommen. Er hätte sie heil geliebt.
So ist Jesus
Das war und das ist Jesus.
Er hat die meiste Zeit nicht in den schicken Häusern der beliebten und angesehenen Menschen verbracht.
Sondern er liebte es, die zu lieben, die keiner liebte:
Prostituierte, Zöllner, Aussätzige, Blinde, Unreine, Sünder …
Wenn doch Jesus seine Zeit nicht zu schade war …
wenn doch auch Jesus nichts Besseres zu tun hatte, als bei Zachäus zu sitzen …
wenn doch auch Jesus genug Zeit hatte, um kleine Kinder zu herzen …
wie viel mehr sollte ich dasselbe tun – und ihm danken, dass er Menschen in mein Leben gestellt hat, die ich zu ihm hin lieben darf.
Ich darf lernen, geduldig zu sein, demütig, mich nicht so wichtig zu nehmen. Arbeit Arbeit sein zu lassen. Einfach zu sitzen und mir immer wieder anzuhören, was das kleine Leben dieser Frau bewegt – und scheint es mir noch so klein.
Ein Gebet am Tor
Als sie dann gehen muss wegen ihres Pflegedienstes, hält sie am Tor inne und sagt:
„Oh, jetzt haben wir gar nicht gebetet.“
Und so lege ich meinen Arm um sie und bete für sie und stelle sie unter den Segen Jesu.
Dann faltet sie ihre Hände, spricht ein herrlich schönes, kindliches Gebet, bekreuzigt sich und zieht ihres Weges.
Ein Stück weiter ruft sie mir noch zu:
„Jesus segne euch!“
Das darf die ganze Straße nur zu gern hören.
Danke, Jesus
Danke, Jesus.
Ich darf dir immer ähnlicher werden.
Möchtest du das auch?

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