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Was die Frau aus Schunem mir heute zu sagen hat

Was die Frau aus Schunem mir heute zu sagen hat
Photo by Ashwini Chaudhary(Monty) / Unsplash

Ich bin einer Frau begegnet, die mich sehr fasziniert hat.

Eigentlich bin ich ihr schon öfter begegnet, aber dieses Mal musste ich stehen bleiben und sie genauer anschauen.

Ich bin ihr nicht auf der Straße begegnet, sondern in den faszinierenden Weiten der Bibel. Das Alte Testament ist bekannt dafür, dass es immer wieder verborgene Schätze ans Licht bringt, je mehr und öfter wir darin graben. Und es hat einen fast unendlichen Reichtum an Menschen, denen wir begegnen und die zu uns reden – wenn wir es zulassen.

Der Frau nun, von der ich rede, begegnete ich in den Büchern der Könige.

Die Geschichten darin sind zugegebenerweise oft nicht schön zu lesen, ziemlich blutig und zu Zeiten traurig. Doch dort begegnen uns auch Elia und sein Nachfolger Elisa. Und wo sie auftauchen, da passiert etwas. Da sehen wir Wunder. Aber auch immer wieder ganz einfache menschliche Regungen wie Entmutigung, Heimatlosigkeit und Depression.

In 2. Könige 4,8–37 lesen wir von Elisa und seiner Wanderschaft. Immer wieder durchzog er eine Stadt im Nordreich Israel mit Namen Schunem.

Dort lebte eine wohlhabende Frau – leider erfahren wir ihren Namen nicht – und sie tat etwas Besonderes: Immer wenn Elisa durch die Stadt zog, nötigte sie ihn, bei ihr zum Essen zu kommen.

Was für ein wunderschönes Detail im Leben von Elisa. Er hatte ein Haus, er hatte ein Ehepaar, das sich über ihn freute und ihn einlud, wann immer Gelegenheit war. So war die Schunemiterin.

Doch allein diese Gastfreundschaft am Tisch genügte ihr nicht.

Sie sah mit ihrem mütterlichen Herzen (obwohl sie zu diesem Zeitpunkt keine leibliche Mutter war), dass dieser arme, umherreisende Mann einen Ort der Ruhe und des Rückzugs brauchte. Sie hatte erkannt, wer Elisa war – ein heiliger Mann Gottes – und hatte etwas Besonderes auf dem Herzen. Das besprach sie mit ihrem Mann:

„Sieh doch, ich habe erkannt, dass es ein heiliger Mann Gottes ist, der regelmäßig hier bei uns hindurchzieht.
Lass uns doch ein kleines gemauertes Obergemach machen! Dort wollen wir ihm dann Bett und Tisch und Stuhl und Leuchter hinstellen. Und es soll geschehen, wenn er zu uns kommt, kann er dort einkehren.“ (V.9–10)

Hier ist eine Frau, die weiß, was gebraucht ist. Eine Frau, die Initiative ergreift. Eine Frau, die ihren Reichtum nutzt, um andere zu segnen. Eine Frau, die geistlich wach ist und Gottes Reden hört. Die ein Gespür und eine Sehnsucht nach Gott hat. Was für eine besondere Frau.

Sie nimmt ihren Mann in die Pläne mit hinein und beteiligt ihn somit am Segen

Als Elisa wieder einmal dort einkehrte, überkam ihn eine Dankbarkeit und er ließ die Frau durch seinen Diener fragen, was er ihr Gutes tun könnte. Dabei bot er ihr alles an, was in seinem Einfluss als Diener des höchsten Gottes stand – und das ist so ziemlich alles.

Doch wie bezeichnend: Der Frau fällt gar nichts ein, was sie sich wünschen könnte. Sie scheint glücklich und zufrieden zu sein.

Hier will ich kurz stehen bleiben, denn gerade diese Stelle hat mich umgehauen.

Da ist eine Frau, die – wie wir später erfahren – kinderlos ist, und hat keine Wünsche offen. Alles, was sie tat, war ohne Berechnung. Sie war dankbar und zufrieden. Unglaublich.

Doch Elisa möchte unbedingt etwas schenken. Er will der Frau Gutes tun und ihr zeigen, wie dankbar er ist. So erfährt er über seinen Diener, dass die Frau keine Kinder hat. (Auch bezeichnend, dass Elisa selbst das anscheinend nicht verstanden hat – oder es kam ihm nicht in den Sinn.) Im weiteren Gespräch wird deutlich, dass der Ehemann der Frau alt ist und sie jegliche Hoffnung auf ein Kind schon längst begraben hatte. Es kommt ihr wie ein schlechter Scherz vor, als Elisa ihr prophezeit, dass sie einen Sohn bekommen wird.

Doch genau so geschieht es. Nach einem Jahr hat sie ein Kind in den Armen.

Der Junge wächst und hilft seinem Vater auf dem Feld, als er plötzlich krank wird. Freudestrahlend ist er vielleicht am Morgen aufs Feld zu seinem Vater gerannt, und plötzlich überkommen ihn Kopfschmerzen, und am Mittag ist er tot – gestorben in den Armen seiner Mutter.

Er ist noch klein genug, dass sie ihn nehmen und auf das Bett Elisas legen kann. Dann rennt sie nicht überall hin und verkündet die schlimme Nachricht. Nicht einmal ihrem Mann erzählt sie davon. Sie bittet ihn nur um einen Esel und einen Knecht und weiß genau, wohin sie gehen muss:

Dorthin, wo sie Hilfe erwartet – zu dem Mann Gottes.

Ihrem Mann, der irgendwie schwer von Begriff zu sein scheint, sagt sie nicht viel – außer: „Friede mit dir!“

Was für eine beeindruckende Ehefrau, dass sie in einem Moment größter und tiefster Emotionalität ihrem Mann so begegnen kann.

So kommt sie zum Berg Karmel, auf dem sich Elisa aufhielt. Von Ferne sieht er die Frau und erkennt sie sofort. Tief besorgt schickt er seinen Diener los, ihr entgegen. Es muss etwas passiert sein, wenn sie diesen weiten Weg auf sich nimmt (der Karmel war ungefähr 60 km entfernt von Schunem).

Er lässt nach der ganzen Familie fragen (was mich sehr an den Fragenkatalog in Albanien erinnert). Interessant ist, dass sie diese Fragen nur schnell mit „Gut“ beantwortet (was mich auch an Albanien erinnert) und dann sofort zu Elisa geht und zu seinen Füßen kniet, ja, sie regelrecht umfasst.

Jetzt kommt die ganze Emotion und Trauer heraus. Hier, zu Füßen des Mannes Gottes. Endlich ist sie da, wo sie alles rauslassen kann, so dass Elisa sagt: Ihre Seele ist betrübt.

Ohne wirklich zu sagen, was passiert ist, versteht Elisa, dass ihr Sohn gestorben war.

Sofort schickt er seinen Diener los. Allerhöchste Eile ist geboten. Er darf sich nicht aufhalten lassen, ja, nicht einmal grüßen.

Die Frau merkt wohl, dass es Elisa sehr ernst ist, aber sie lässt ihn nicht los, es sei denn, er geht mit ihr mit. Sie weiß intuitiv mehr als der Prophet selbst: Hier braucht es mehr als einen Diener, der (wie an vielen anderen Stellen auch ersichtlich) nicht geistlich eingestellt war.

Da ging Elisa mit, langsamer als sein Diener, und als dieser den Anweisungen Elisas gefolgt ist und nichts passiert ist, kommt er enttäuscht zurück.

Elisa tritt nun in das Haus und findet in seinem Zimmer den toten Jungen. Die Realität des Todes – sichtbar und erdrückend.

Doch Elisas Glaube ist groß. Er geht in das Zimmer, er betet und folgt den Anweisungen Gottes: legt sich auf das Kind, Gesicht auf Gesicht (nirgends wird ein anderer in der Bibel so zurück zum Leben gebracht).

Das Kind wird langsam warm, Elisa wandert weiter durch das Haus, und dann am Ende niest der Junge sieben Mal und schlägt seine Augen auf.

Und dann gibt er den Jungen seiner Mutter zurück, welche sich voller Freude und Anbetung auf die Erde wirft.

Was für eine Geschichte! Was für eine Frau. Was für ein Gott!

Hätte sie Elisa nicht aufgenommen bei sich, hätte sie keinen Sohn gehabt. Hätte sie keinen Sohn gehabt, hätte sie nicht diesen Schmerz erlebt. Hätte sie diesen Schmerz nicht erlebt, hätte sie nicht die Wunder Gottes gesehen. Hätte sie dieses Wunder Gottes nicht erlebt, wäre sie nie in diese tiefe Anbetung gekommen.
Wiederholt sich ihre Geschichte nicht auch in unser aller Leben immer wieder?

Das Ziel in allem ist die Anbetung Gottes – durch alles Leid und alle Fragen und alle Unverständlichkeiten hindurch.

Auch wenn der Tod nicht lebendig gemacht wird. Auch wenn keine schnelle Antwort kommt, keine Lösung, kein sichtbarer Ausweg.

Laufen wir so schnell wie die Schunemiterin zu Elisa – zu Jesus? Lassen uns nicht abhalten und fallen zu seinen Füßen nieder in der Stille? Halten wir ihn fest und lassen ihn nicht los, ehe er eingreift? Ehe wir tief im Herzen die Gewissheit haben:

ER GEHT MIT! WENN ER DABEI IST, DANN WIRD ALLES GUT?

Nicht, dass jeder wieder gesund wird. Nicht, dass alle Dinge den Ausgang nehmen, den wir uns wünschen. Nicht, dass alle Probleme in unserem Leben immer so schnelle Lösungen finden wie in dieser Geschichte.

Aber ich denke, dass sie uns zeigt, wie groß Gott ist und wie er auch scheinbar schwierige Dinge, die doch nicht hätten sein müssen, gebraucht, um uns die Augen zu öffnen für seine Größe und Herrlichkeit.

Ich will das mehr und mehr in meinem Leben verstehen und bin sehr dankbar für Geschichten wie die der gastfreundlichen, zufriedenen, glaubensstarken Schunemiterin.

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