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Die Kostbarkeit der gezählten Tage

Die Kostbarkeit der gezählten Tage
Photo by Alex Alvarez / Unsplash

In diesen Tagen sind wir dabei, uns innerlich von einem sehr geliebten Menschen zu verabschieden. Der Krebs ist so weit fortgeschritten, dass keinerlei Aussicht auf Heilung mehr besteht. Der schwache Körper will nicht mehr. Er schmerzt, er stöhnt und sehnt sich nach Erlösung.

Unsere tiefe Traurigkeit wird von einer festen Gewissheit begleitet: Dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Dass der Tod eine Tür zu einem viel besseren Leben ist – zur Ewigkeit bei unserem geliebten Herrn Jesus Christus!

Die Konfrontation mit der Endlichkeit

Ich weiß nicht, wie es dir geht, wenn du so direkt und unmittelbar mit dem Sterben konfrontiert wirst. Was macht das mit dir?

Wenn ich mir vorstelle, wie mein Schwiegervater beim Onkologen sitzt und dieser ihm indirekt sagt: „Sie werden sterben. Wir können nichts mehr tun“, dann zucke ich zusammen. Im nächsten Moment denke ich: Rahel, auch du wirst sterben. Auch deine Tage sind gezählt.

Wie schnell schieben wir diese Tatsache beiseite. Sie ist uns unangenehm, vielleicht wirkt sie zu realistisch oder gar fatalistisch. Doch die Bibel fordert uns eindeutig dazu auf, unsere Endlichkeit zu bedenken. In Psalm 90,12 heißt es:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Luth)

„Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen!“ (NGÜ)

Weise werden, nicht verzagen

Wir sollen unseren Tod nicht bedenken, um Angst zu bekommen oder uns zu fürchten. Nicht, um uns zu vergraben oder depressiv zu werden. Auch nicht, um nach dem Motto „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ zu leben oder verzagt die Hände in den Schoß zu legen.

Nein, wir sollen es bedenken, damit wir weise werden. Damit wir lernen, unser begrenztes Leben auf dieser Erde mit einem weisen Herzen zu führen. Die Zeit und die wenigen Tage, die wir haben, auszukosten und das Beste daraus zu machen.

Wenn ich dem Tod durch die Augen eines nahestehenden Menschen so direkt ins Auge schaue, empfinde ich Ehrfurcht. Vieles rückt sich ins rechte Licht. Ich sehe plötzlich klarer auf mein eigenes Leben und sage mir:

„Herr, auch meine Tage sind gezählt. Jeden einzelnen will ich zu deiner Ehre leben. Nicht für mich, sondern für dich.“

Das Wesentliche im Blick

Und dann fange ich an, einfach das Nächste zu tun. Ich beginne, bewusster zu leben und zu atmen. Ich sehe jeden Tag als Geschenk, auch wenn die Last drückt und nicht jeder Tag von Sonnenschein und Vogelgezwitscher begleitet wird. Ich frage mich, was wirklich wichtig ist:

  • Ich nehme meine Kinder öfter in den Arm und halte sie fest. Ich spreche viel Gutes über sie aus.
  • Ich suche die Nähe meines Mannes, halte sein Gesicht in meinen Händen und schätze ihn wert für alles, was er tut.
  • Ich schaue den Menschen in die Augen und will nicht nur ihre Worte verstehen, sondern ihr Herz.
  • Ich lese Gottes Wort und teile es mit so vielen wie möglich.
  • Ich ergreife die Möglichkeiten, die Gott mir gibt, um von ihm zu erzählen. Und wenn ich Gelegenheiten verpasse, ergreife ich seine reiche Vergebung immer wieder neu.

Ich genieße das Leben – alle großen und kleinen Dinge. Ich erkenne die Schönheit, die in den einfachen Momenten steckt.

Die Kostbarkeit der kleinen Augenblicke

Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges schrieb kurz vor seinem Tod über genau diese Kleinigkeiten:

„Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht mehr so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.

Ich würde nicht so gesund leben. Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen. Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten; freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, nur noch gute Augenblicke zu haben.

Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben; nur aus Augenblicken; vergiss nicht den jetzigen. Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen. Und ich würde mehr mit Kindern spielen, wenn ich das Leben noch vor mir hätte. Aber sehen Sie ... ich bin 85 Jahre alt und ich weiß, dass ich bald sterben werde.“

Wie lebst du heute? Was möchtest du heute besonders in den Blick nehmen, weil du weißt, dass dein Leben begrenzt ist?

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