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Ein kostbares Geschenk

Ein kostbares Geschenk

Letzten Mittwoch noch saß ich lange an seinem Bett.
Irgendwie spürte ich, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn lebend sehen würde. Ich schaute in sein vom Krebs gezeichnetes Gesicht, legte meine Hand auf seine Stirn und segnete ihn.

Ich sprach ihm die Worte Jesu zu, die ich kurz vorher gelesen hatte in Offenbarung 1 – Worte von dem überaus majestätischen Jesus zu Johannes, der wie tot zu Boden gefallen ist und Jesu Hand auf sich spürt und diese gewaltigen Worte hört:

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades.

Fürchte dich nicht, lieber Schwiegerpapa. Fürchte dich nicht. Jesus ist da.

Ich sitze da und weine. Nur schwer kann ich mich vom Bett losreißen. Draußen ist es kalt und neblig und regnerisch. Schon seit einigen Tagen hatte sich ein schweres Tief über das Land gelegt.

Ich gehe noch hinaus in den Garten – seinen Garten, den er immer mit solch einer Liebe und Hingabe gehegt und gepflegt hat. Ich laufe bis zum Zaun und lege mein Kinn in meine Hände. Das Rapsfeld ist schon fast verblüht. Die einstige Schönheit ist am Schwinden. Sie macht der Reife Platz.

Ich steige ins Auto und fahre heim. Mache laut die Musik an und höre traurige Klavierklänge, während ich durch den verregneten Wald fahre.

Am nächsten Tag ging er nach Hause – zu Jesus.
Mein Mann hatte die Ehre, bei seinen letzten Atemzügen dabei zu sein. Er ging ganz friedlich und ruhig. Sein letzter Atemzug hier ging über in das große Erwachen und Staunen in der Gegenwart seines Retters und Erlösers, Jesus Christus.

Wie sich seine müden Augen wohl wieder in aller Klarheit und Freude geöffnet haben! Wie der Junge, der mit sieben Jahren seinen irdischen Vater verloren hat, in die Arme seines himmlischen Vaters gelaufen ist – und plötzlich alles Sinn machte und alles einfach nur gut war.

Da ist er jetzt. In der Herrlichkeit, in der sich unsere Augen wieder anschauen werden.

Bis dahin bleiben wir zurück und bereiten eine Trauerfeier vor – eine Feier des großen Geheimnisses. Eine Feier für ein Leben auf dieser Erde, das kostbar und geliebt war.

Wir bleiben zurück.
Unsere Gewissheit, dass es ihm gut geht, mischt sich immer wieder mit den bitteren Tränen des tiefen Verlustes, den wir spüren – wie ein Seufzen der ganzen Schöpfung.

Wir bleiben zurück.
Wir schauen zurück, und ich muss an die Worte von Dietrich Bonhoeffer denken und all die Erinnerungen wie ein kostbares Geschenk in meinem Herzen bewahren. Immer wieder innerlich lächeln und: Danke sagen.


Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost. Denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.

Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.

Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Man muss sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden – und es sonst wie einen verborgenen Schatz besitzt, dessen man sich gewiss ist.

Dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus. … Vom ersten Aufwachen bis zum Einschlafen müssen wir den anderen Menschen ganz und gar Gott anbefehlen und ihm überlassen – und aus unseren Sorgen um den anderen Gebete für ihn werden lassen.

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