Letzten Samstag: Der Raum füllte sich immer mehr, bis schließlich bestimmt 80 Frauen vor mir saßen. In der Luft lag eine spürbare, fast greifbare Spannung.
Ganz ehrlich: Hättest du mir vor zwei Jahren gesagt, dass ich eines Tages vor so vielen Frauen offen über weibliche Sexualität sprechen würde, ich hätte dich für verrückt erklärt. Aber: Here we are! Was bei Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott.
Je länger ich mit diesem Thema unterwegs bin, desto mehr brennt mein Herz dafür. Gleichzeitig sehe ich die enorme Lücke, die große Unwissenheit und die Dunkelheit, die über diesem Bereich liegt. Doch genau darin liegt die Chance: die Möglichkeit, dass Scham, Schuld und Verletzungen im Licht Gottes sichtbar werden und wir endlich frei werden dürfen.
Das Echo unzähliger stiller Geschichten
Die Spannung im Raum war kein Zufall. Sie war das Echo unzähliger Geschichten, die Frauen oft völlig allein mit sich herumtragen. Wenn ich mich mit ihnen unterhalte, begegnet mir nicht bloße Theorie, sondern das echte, oft zutiefst verwundete Leben:
- Ich sprach mit einer Freundin, die ein Paar begleitet, in dem die Frau unter ständigen körperlichen Schmerzen beim Sex leidet.
- Ich sprach mit einer Frau, die herausgefunden hat, dass ihr Mann wieder Pornografie konsumiert.
- Ich sprach mit einer Frau, die in einer früheren Beziehung ständige Grenzüberschreitungen erdulden musste.
- Ich sprach mit einer Frau, die als Kind sexuell missbraucht wurde und später selbst in den Konsum von Pornografie abgerutscht ist.
- Ich sprach mit einer Frau, die mit ihrem Single-Dasein ringt und kaum versteht, warum Gott sie als sexuelles Wesen geschaffen hat, wenn sie es derzeit nicht ausleben kann.
- Ich sprach mit einer Frau, die Intimität vermeidet, weil die Angst vor einer Schwangerschaft sie lähmt.
- Ich sprach mit einer Frau, deren Freundin nach der Hochzeitsnacht sagte: „Wir haben etwas Schreckliches getan.“
Die Palette ist endlos. Dieses Thema hat unzählige Facetten. Es gibt schlicht nichts, was es nicht gibt.
Gerade deshalb möchte ich vorsichtig sein mit schnellen Antworten, Patent-Rezepten oder vorgefertigten Meinungen. Ich maße mir nicht an, für jede dieser Wunden die eine, einfache Lösung parat zu haben.
Der Weiher im Wald: Ein Bild für unsere Gebrochenheit
Was all diese Geschichten verbindet, wurde mir kurz nach dem Frauentag bewusst, als ich im Wald spazieren ging. Ich kam an meinen Lieblingsplatz, einen stillen Weiher. An diesem Tag kräuselte sich die Wasseroberfläche unruhig. Das Spiegelbild der umstehenden Bäume war verzerrt; man konnte nichts Klares erkennen.
In diesem Moment wurde mir das Wasser zu einem Bild:
Gott hat Mann und Frau geschaffen und es war sehr gut. Intimität und das „Ein-Fleisch-Werden“ waren von Anfang an rein, gut und heilig gedacht. Mit dem Auftrag, fruchtbar zu sein, stand das göttliche Herz dahinter: Liebt euch tief. Liebt euch oft. Lasst nichts zwischen euch stehen.
Doch es dauerte nicht lange, bis etwas dazwischenkam.
Der Einbruch der Sünde brachte Scham, das Bedürfnis sich zu verstecken, Schmerz, Entfremdung und Anklage mit sich. Man denke nur daran, was es mit Evas Herz gemacht haben muss, als Adam sich im Garten Eden nicht schützend vor sie stellte, sondern mit dem Finger auf sie zeigte: „Sie ist schuld!“
Das perfekte Bild wurde verzerrt. Wenn wir heute auf das Thema Sexualität blicken, schauen wir oft nur auf dieses gekräuselte, aufgewühlte Wasser. Wir sehen die Zerrissenheit und erkennen die ursprüngliche Schönheit des Originals dahinter kaum noch.
Steine im Wasser
Jede von uns blickt auf ihr ganz eigenes, verzerrtes Wasser:
Vielleicht wurde ein gewaltiger Felsbrocken in deinen Lebenssee geworfen – durch Missbrauch oder schwere Übergriffe. Bis heute schlägt das Wasser Wellen, deine Seele findet keine Ruhe und du kannst beim besten Willen nicht erkennen, was Gott sich Schönes dabei gedacht haben soll.
Vielleicht sind es auch viele kleine Kieselsteine, die tagtäglich hineingeworfen werden: Mangelnde emotionale Nähe in der Partnerschaft, stumme Vorwürfe, eisiges Schweigen, schleichende Entfremdung. Oder kleine, unbedachte Gedanken, denen du erlaubst, den Schutzgarten eurer Ehe zu verlassen.
Niemand von uns kommt unberührt durchs Leben. Auf die eine oder andere Weise sind wir alle sexuell gebrochene Wesen. Wir leben mitten in einer gefallenen Welt.
Der Blick auf das Original
Doch hier liegt die Hoffnung: Wir dürfen zurückfinden.
Heilung bedeutet nicht, dass wir panisch versuchen müssen, das Wasser mit den eigenen Händen glattzustreichen. Heilung beginnt dort, wo wir den Blick von der unruhigen Oberfläche heben und auf das Original schauen: auf Gott selbst.
Wir dürfen in Sein Licht treten – genau so, wie wir sind. Wir dürfen das Versteckspiel beenden, unsere Scherben vor Ihn legen und einfach SEIN. Auf dieser Seite der Ewigkeit bekommen wir nicht auf jedes Warum eine Antwort; manches bleibt ein schmerzhaftes Rätsel.
Aber – und darum brennt mein Herz so sehr für diesen Dienst:
Gott will und kann uns heil machen. Er möchte uns zu Frauen heranreifen lassen, die schrittweise verstehen, wie grenzenlos sie geliebt und wie vollkommen sie von Ihm erkannt sind. Denn genau diese bedingungslose Liebe ist das wahre Urbild hinter allem, was irdische Intimität uns jemals lehren wollte.
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